aus der Badischen Zeitung vom Samstag, 3. Juli 2004

"Hoffnungstupfer" in feindseliger Welt
"Brundibár" - mehr als Musik und Tanz / Kinderoper begeistert Publikum im Faust-Gymnasium / Zeitzeuginnen unter den Gästen

vergrössern
Kinderoper "Brundibár" im Faust-Gymnasium: Der Milchmann möchte den Kindern keine Milch für ihre kranke Mutter verkaufen, da sie kein Geld haben.
FOTO: MITTELBACH
STAUFEN (cm). Die Pisa-Studie, der jüngste "Spiegel"-Titel über Drogen an den Schulen, der deutsche Schulalltag kommt nicht gut weg. Es geht auch anders. Im Faust-Gymnasium in Staufen feierte am Donnerstag das Kindermusical "Brundibár" Premiere. Rund 100 Schülerinnen und Schüler spielten engagiert und begeistert ein Stück, das über 50-mal im Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt worden ist.

Die Geschichte, die inhaltlich nichts mit dem Dritten Reich zu tun hat, ist schnell erzählt. Aninka und Pepicek brauchen Milch für ihre kranke Mutter. Doch ohne Geld gibt es auf dem Markt nichts. Der Leierkastenmann Brundibár bringt sie auf eine Idee. Sie singen, um etwas einzunehmen. Ihre Stimmen sind zu schwach und Brundibár vertreibt sie.

Erst als ein paar Tiere die Geschwister unterstützen, keimt Hoffnung. Zusammen mit den Kindern aus der Nachbarschaft verbünden sich alle gegen den Leierkastenmann und singen - mit Erfolg: Die Erwachsenen geben ihnen Geld, das Brundibár stiehlt. Die Kinder und Tiere verfolgen ihn. Er hat keine Chance mehr. Das Gute hat über das Böse gesiegt. Ein Motto, das den Lagerinsassen in Theresienstadt Hoffnung gab.

Die "Kinderoper" entstand 1938 in Prag im Rahmen eines Wettbewerbs des Ministerium für Erziehung und Kultur. Der Komponist Hans Krása arbeitete nach seiner Deportation das Stück im Konzentrationslager für die wenigen dort vorhandenen Mittel um. Der Märchenstoff von Adolf Hoffmeister, zusammen mit Krásas Musik, hat in dem von Gewalt und Angst geprägten Lagerleben eine ganz neue Bedeutung gewonnen. "Ihr müsst auf Freundschaft bauen, den Weg gemeinsam gehen . . . ihr seht ja wie es war, wir schlugen Brundibár", heißt es im Schlusslied. Es ist zur Lieblingsmelodie der Akteure im Faust-Gymnasium geworden. Gleich zweimal singt die bunte Kinderschar vor der nachdenklich stimmenden schwarz-weißen Stadtkulisse das Lied - die Essenz des Stücks, die den Lagerinsassen im gemeinsamen Kampf gegen das Böse Kraft gab.

Der Unterstufenchor, das Orchester - unterstützt von musikalischen Eltern - und die Theatergruppe der Schule geben unter der musikalischen Leitung der Pädagogen Gabriele Stannat-Deißler und Andreas Wolff ihr Bestes.

Beeindruckend ist die Leistung der Solisten. Das barfüßige Geschwisterpaar (Verena Wetzel, Maximilian Plaho), Leierkastenmann Brundibár (Maria Gnann), aber auch der Spatz (Vera Gäng) und die Nachtigall (Sophia Emmerich) begeistern das Publikum mit ihrem Gesang, mit fröhlichen, manchmal auch ein wenig frechen Liedern. Eine gehörige Portion Ausdauer, Disziplin und Motivation war nötig, um die große Truppe bühnenreif zu trimmen. Alle investierten viel Zeit in die Proben, sogar ganze Wochenenden. Da der Zulauf an schauspielfreudigen Kindern so groß war, schrieb der für die Regie verantwortliche Lehrer Helge Deutrich noch neue Rollen und Texte. Der tosende Applaus, der rund 400 Zuschauer in der bis auf den letzten Winkel besetzten Aula, galt allen Mitwirkenden, auch den Eltern, die im Hintergrund zum Gelingen beigetragen haben.

Autorin Ingeborg Hecht erzählt von der Heilsamkeit des Erinnerns

Im Publikum konnte Wolff ganz besondere Gäste begrüßen: Zwei Zeitzeuginnen, Evelina Merová und Helga Hosková, die extra aus Tschechien in die Fauststadt gereist sind, um in den Klassen von ihren Erfahrungen in Theresien-stadt zu berichten. Und sie kennen "Brundibár" aus dieser Zeit. Eingeleitet wurde das Stück von Ingeborg Hecht, einer in Freiburg wohnenden "Halbjüdin", deren Vater im Konzentrationslager umgekommen ist. Die die 1921 geborene Autorin, die einige Zeit in Staufen gelebt und am Faust-Gymnasium über das Schicksal der Juden berichtet hat, sagte: "Ich finde es ermutigend, dass Schüler auf Spurensuche der Judengeschichte gehen."

"Brundibár" ist nicht nur Spiel, Musik und Tanz. Es ist ein vielschichtiges Projekt, das die Schüler herausfordert und mit den Hintergründen der Geschichte, der Judenverfolgung, konfrontiert. Anschauliche Informationen liefert dazu auch die Ausstellung "Theresienstadt - Musik, das war Leben", die noch bis 20. Juli in der Schule zu sehen ist.


Artikelsammlung       zur Hauptseite