aus der Badischen Zeitung vom Freitag, 3. Februar 2006

Modern und frivol
Theater-AG am Faust-Gymnasium spielt “Hänsel und Gretel”

Hänsel und Gretel
Traditionelle Märchenstunde zu Beginn der turbulenten Szenenfolge zu “Hänsel und Gretel”.
(FOTO: MöLLER-BARBIAN)
STAUFEN. Wer glaubt, alles über Hänsel und Gretel zu wissen, kann sich durch die Mittelstufen-Theater AG am Faust-Gymnasium eines Besseren belehren lassen. Dort hat man das Märchen gegen den Strich gebürstet und ihm ganz neue Seiten abgewonnen - sehr zum Vergnügen der Zuschauer einer höchst lockeren Szenenfolge. Ihnen wurde vorgeführt, welch ungeahnten Möglichkeiten in dem von den Brüdern Grimm entdeckten Stoff noch schlummern. Und sie konnten miterleben, mit welcher Begeisterung die Mitglieder der AG die unter der Leitung des Deutschlehrers Karl-Helge Deutrich einstudierten Parodien, Satiren und Grotesken auf die Bühne brachten.

Auch in eineinhalb Probejahren war der Elan nicht erlahmt, hatte sich vielmehr im Lauf der Zeit gesteigert und dann im November 2005, als die kleine Theatertruppe zwei Tage lang auf einer Hütte auf dem Schauinsland intensiv an den 30 Versionen des Märchens feilte, einen kräftigen Schub bekommen. “Es war einfach nur toll” , schwärmte eine Schülerin von dem Hüttenerlebnis. Auch dank eines Endspurts, bei dem sich noch einmal alle kräftig ins Zeug legten, lief bei der Premiere und vor der Kulisse eines Waldes alles ohne Pannen ab. Dies trotz aller Turbulenzen, welche die Regieanweisungen vorgegeben hatten.

Angesichts der Kürze der einzelnen Programmpunkte waren Schnelligkeit und Genauigkeit oberstes Gebot. Ständig musste umgebaut, eine neue Kostümierung angelegt und zu einer völlig anderen Szene gewechselt werden. Das erforderte von Miriam Cheniti, Sophia Emmerich, Svenja Hinrichs, Linda Kiefer, Sarah Knödler, Marike Potts, Hanna Schreiner, Larissa Schubert und Yannick Pahlke als einzigem männlichen Mitspieler hohe Konzentration, zumal der Vorhang stets geöffnet blieb und das Publikum somit sämtliche Bewegungen auf der Bühne verfolgen konnte.

Um der Erinnerung an das, was die Brüder Grimm überliefert haben, auf die Sprünge zu helfen, stand Großmutters Märchenstunde am Beginn des Abends mit dem Titel “Was man über Hänsel und Gretel schon immer wissen wollte” . Aber die traditionell erzählte Geschichte, welche die Kinder schon früh mit den Grausamkeiten des Lebens bekannt macht, diente nur als Lieferant einer Abfolge zündender Ideen. Die zeugten davon, dass Märchen auf neue Art wieder “in” sind, denn ihnen “fallen Erkenntnisse aus den Hosentaschen” - welche auch immer - und doch ist es “manchmal besser, keine Märchen zu erzählen.”

Auf jeden Fall demonstrierte die Theater AG mit den von Deutrich verfassten Texten und solchen von Handke, Dürrenmatt oder Ende, dass Hänsel und Gretel auch ganz modern und frivol zu denken sind, oder als Diebespaar, Haschischkekse verzehrend und den Weg zurück mit vergifteten Tauben markierend. Das Knusperhäuschen als Freudenhaus, das Märchen auf Englisch oder Lateinisch (“Cnusper, cnusper cnasa, qui cnuspat mea casa” ), oder auch einmal astrologisch betrachtet (“Widder nichts zu essen& ” ). Die “Toten Hosen” erzählten ihre Version von der “abgewrackten Hütte am Waldesrand” , sogar die Zuschauer durften zurBelustigung beitragen. Das Ende setzte ein ordentlicher Klamauk, ein sozialkritischer Thriller, bei dem selbst die jungen Spieler nicht mehr ernst bleiben konnten.

Viel Beifall für die rasante Szenenfolge, die am heutigen Freitag nochmals gespielt wird (20 Uhr, im Filmsaal der Schule).

Dorothee Möller-Barbian


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