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Französisch hat an den Gymnasien entlang des Oberrheins nicht mehr die Lufthoheit. (FOTO: DPA) |
STUTTGART/FREIBURG. Nur die CDU-Fraktion hält Kultusminister Helmut Rau die Stange, alle anderen Parteien, Lehrer- und Wirtschaftsverbände begrüßen den Beschluss des Mannheimer Verwaltungsgerichts gegen die Französischpflicht entlang der Rheinschiene. Dort versuchen die Gymnasien, sich über die Konsequenzen klar zu werden — und die fallen ganz unterschiedlich aus.
Nein, zurücktreten werde er nicht, erklärte Rau gestern in einer ersten Reaktion auf den Entscheid des Verwaltungsgerichts. Zurückrudern aber schon. Die Richter hatten offen gelassen, die Sprachenfolge an der Rheinschiene per Gesetz zu regeln — und nicht mit einer bloßen Rechtsverordnung, wie Rau sie am Parlament vorbei vorgesehen hatte. "Eine solche politische Entscheidung muss dem parlamentarischen Gesetzgeber vorbehalten bleiben" , begründete das Gericht seinen Beschluss. Rau erklärte, er werde kein Gesetz vorlegen, denn damit werde die Akzeptanz bei den Französisch-Gegnern auch nicht vergrößert.
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Helmut Rau (FOTO: DPA) |
Die Französisch-Revolution in Baden hatte schon vor Monaten begonnen. Eltern gingen auf die Barrikaden, weil das Kultusministerium Französisch in den Gymnasien am Rhein zur ersten Pflichtfremdsprache gemacht hatte. Lehrer, Politiker und Vertreter der Wirtschaft protestierten gegen die Verordnung, die am 1. August in Kraft treten sollte. Ein Karlsruher Schüler und seine Mutter hatten geklagt. Sie fühlten sich im Recht auf elterliche Erziehung und freie Entfaltung der Persönlichkeit verletzt. Kultusminister Rau hatte stets an der Französischpflicht festgehalten: Die Sprache des Nachbarn erleichtere den Weg in die Mehrsprachigkeit und erhöhe die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ministerpräsident Günther Oettinger hatte sich hinter ihn gestellt.
Gestern stand Rau nur CDU-Fraktionschef Stefan Mappus bei — auch wenn innerhalb der Union Kritik an Raus Stil laut wird. Der Koalitionspartner FDP sparte nicht mit Häme: "Hätte Rau auf den Protest der Eltern und die Vorschläge der FDP gehört, hätte er sich die peinliche Niederlage ersparen können" , erklärte Fraktionschef Ulrich Noll. Die Arbeitsgemeinschaft gymnasialer Eltern in Nordbaden, die die Kläger unterstützt hatte, war nach dem Beschluss erleichtert. Die Vorsitzende des Landeselternbeirates, Christiane Staab, befand: "Dies ist ein guter Tag für die Bildungsgerechtigkeit im Land." Die Lehrergewerkschaft GEW prophezeite, dass der Beschluss einen Tag vor Ferienbeginn Chaos an den Gymnasien auslöse.
Tatsächlich hat es "wie eine Bombe eingeschlagen" , sagte Schulleiter Eberhard Schad vom Kreisgymnasium Bad Krozingen. "Es zeigt, dass unsere vorgesetzten Behörden nicht mehr in der Lage sind, realistisch zu planen." So kurz vor den Ferien sei kaum mehr etwas zu regeln: Die Eltern der 125 neuen Fünftklässler seien wohl nicht mehr zu erreichen und sicher auch keine Entscheidung zur ersten Fremdsprache zu erwarten.
Theoretisch können die Fünftklässler jetzt Englisch als erste Fremdsprache wählen. In der Praxis wird das vielleicht nicht an allen südbadischen Gymnasien möglich sein. "Ich habe gar keinen Englischlehrer mehr übrig" , sagte beispielsweise Rolf Behrens, Schulleiter des Freiburger Kepler-Gymnasiums. Konsequenzen hat die neue Situation vor allem für die Schulen, die beschlossen hatten, in der fünften Klasse nur mit Französisch zu beginnen. "Alle Schulen hatten die Deputatsplanung in trockenen Tüchern" , sagte Joachim Schröder vom Philologenverband Südbaden. Während einige, wie das Breisacher, Rheinfelder und Ettenheimer Gymnasium, an Französisch und Englisch als Pflicht in der fünften Klasse festhalten, wollen andere wie das Staufener Faust-Gymnasium in den Ferien neu planen.
Das Kultusministerium hat die Gymnasien an der Rheinschiene gestern gebeten, die Schulgremien einzuberufen. Die müssen entscheiden, ob die Fremdsprachenfolge geändert wird. Eltern sollten bis zwei Wochen nach den Ferien neu wählen können. "Für das Wohl der Kinder macht man die Arbeit gern" , sagt der Staufener Schulleiter Hans-Joachim Kraus. Ihn freut, dass künftig wieder Latein angeboten werden kann. An seinem Gymnasium war, trotz langer Tradition, keine Lateinklasse mehr zustande gekommen, weil die Eltern die einzig mögliche Kombination Französisch/Latein abgelehnt hatten.
Englisch/Latein wird es neben Englisch/Französisch auch wieder am Kant-Gymnasium in Weil am Rhein geben. Das hat eine eilends einberufene Schulkonferenz gestern Abend beschlossen. Am Markgräfler Gymnasium Müllheim ist Englisch/Latein auch beschlossene Sache — zur Freude der Eltern, die gemeinsam mit Staufenern ebenfalls Klage gegen die Französischpflicht eingereicht hatten. Um die neue Freiheit zu nutzen, muss Direktor Heribert Hertramph nur seinen "Plan B" aus der Schublade ziehen. In Erwartung der Gerichtsentscheidung hatte er vorausgeplant.
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