 | |
Foto: Hans Christof Wagner |
STAUFEN. Glaubt man dem öffentlichen Bild, ist die Schule heute immer mehr ein Ort von Kriminalität. Es wird geklaut, genötigt, erpresst und Amok gelaufen. Ein ganzer Abend rund ums Thema Gewalt an Schulen fand jetzt am Faust-Gymnasium statt. Es ging um Phänomene, die es an Schulen immer schon gab. Aber es wurde auch von einer neuen Qualität von Gewalt berichtet. "Immer schön cool bleiben. Gewalt gewinnt nicht" , war das Motto.
Schüler, die wie in Erfurt Amok laufen. Schüler, die Mitschüler misshandeln oder ihnen das Handy klauen. Das sind die Schlagzeilen, die in der Öffentlichkeit das Bild vermitteln, dass Schulen mehr denn je Orte der Gewalt sind. Rainer Ruther, der die Gemeinschaftsveranstaltung von Kolpingfamilie Wettelbrunn und Schulleitung in der Aula moderierte, nannte die Zahl 175 000. So viele Schüler in Deutschland würden als Täter gelten. "Doch wir wollen heute Abend nicht lamentieren, sondern Lösungen aufzeigen" , so der Radiojournalist.
|
|
Gewalt im körperlichen Sinne ist es nicht, was Lehrer, Schüler und Eltern derzeit so beschäftigt. Es ist nicht so, dass sich in den Pausen pausenlos geprügelt wird. Von dem fast zweieinhalbstündigen Abend konnte man mitnehmen, dass die an Schulen erlebte Gewalt vielschichtiger ist, mehr in Äußerungen und Verhaltensweisen, verbal zum Ausdruck kommt.
Ein von der Polizei produzierter Lehrfilm, der gezeigt wurde, schilderte es eindrücklich. Da gab es Ella, die von ihren Mitschülern als "Streberin" beschimpft wird. Sie setzen sie unter Druck, verlangen, dass sie bei ihr die Hausaufgaben abschreiben dürfen. Gerhard Beck von der Freiburger Polizei, Ruthers erster Gast, sagte, dass so bei Opfern wie Ella Gefühle der Frustration und der Isolation entstünden. Gefühle, die sich im Extremfall auch in Phänomenen wie dem Amoklauf entladen könnten. Beck betonte: "Auch wenn die Medien ein anderes Bild vermitteln, tatsächlich aber nimmt die Gewalt an Schulen ab" . Der Polizist nannte das auch einen Erfolg der zahlreichen Anti-Gewalt-Projekte und Workshops der Polizei an Schulen.
Der Themenabend war eine gelungene Kombination aus Interviews, eingespielten Filmen, Spielszenen und Lesungen. Ein Sketch der Unterstufen-Theater-AG und ein am Faust-Gymnasium gedrehter Film machten das Problem Mobbing anschaulich, das Schulleiter Hans-Joachim Kraus zufolge immer mehr zunimmt, gerade in der Unterstufe. Da ist die Außenseiterin der Klasse, die keine Freundinnen hat und die in der Pause immer allein bleibt. Eine Mitschülerin macht ihre Pappfigur kaputt, die sie für den Kunstunterricht gebastelt hat. Auf die Lehrerin kann das Mädchen nicht zählen. Die sagt: "Macht das unter euch aus, ich muss jetzt Mathe machen".
Ein Fall für die Streitschlichter-AG am Faust-Gymnasium (Motto: Faustlos am Faust). In einer Spielszene erlebten die Besucher des Abends mit, wie der Streit aus dem Film friedlich und mit Argumenten gelöst wird. Birgit Beye-Leverinhaus, Elternbeiratsvorsitzende am Faust-Gymnasium, unterstrich, wie gerade in AGs Sozialkompetenz erlernt werden könne. Von Ruther befragt, sprach sie von der "stillen Gewalt" an den Schulen, von Ausgrenzung, Zurückweisung und Cliquenbildung. Opfer davon reagierten auch mit "Gewalt gegen sich selbst" , durch Ritzen und Essstörungen, was von den Eltern oft unbemerkt bleibe. Die Ganztagsschule und das um ein Jahr verkürzte G 8-Gymnasium verschärften das Problem noch. "Riesige Klassen in engen Räumen, kaum Rückzugsmöglichkeiten, da geht man sich schnell auf den Keks" , so Beye-Leveringhaus.
Gewalt an Schulen ist ein Problem, aber es gibt auch viele Initiativen und Projekte dagegen. Ruther sprach mit Heidrun Mazumdar, die in einem Freiburger Pilotprojekt der Aggression von Jungen durch asiatische Kampfkunst und Meditation begegnet. Zu Gast war Boris Gschwandtner von der Erzdiözese Freiburg. Er stellte das Projekt "Klik" vor, bei dem Schulklassen in einem Freizeitheim außerhalb der Schule das Miteinander lernen. Petra Weimar, Kinderpsychologin aus Bad Krozingen, berichtete von ihrer Arbeit. Gundolf Fleischer (CDU) und Thomas Mengel, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Staufen, diskutierten das Problem politisch. Während Fleischer die Vielfalt der Projekte lobte und unterstrich, dass die Landesregierung viel gegen Gewalt an Schulen unternehme, forderte Mengel mehr Schulsozialarbeiter. Projekte und AGs seien begrüßenswert, aber auch zu sporadisch und zu wenig miteinander vernetzt.
|