aus der Badischen Zeitung vom Dienstag, 27. Mai 2008

Abi im Alleingang auf der Zielgerade
Die zehn methodos-Abiturienten büffeln artig auch in den Ferien

Von unserer Redakteurin Julia Littmann
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Der Teamgeist stimmt bei den autonomen Abiturienten. (FOTO: INGO SCHNEIDER)
Pfingstferien? Die zehn Freiburger Abiturienten, die seit August unter dem Vereinsnamen "methodos" ihr Abitur selbst bestimmt und selbst organisiert vorbereiten, hatten keine. Sie drückten auch in diesen zwei Wochen eisern die Schulbank. Freiwillig, denn in drei Wochen beginnt das mündliche Abitur. Auch für die "Schulfremden".

Insgesamt 30 Schülerinnen und Schüler haben sich im Regierungsbezirk Freiburg in diesem Schuljahr für die externe Prüfung angemeldet. Die zehn "methodos" -Lernlinge nehmen unter all diesen externen Abiturienten eine Sonderrolle ein: Ihr Abitur wird bundesweit von den Medien beobachtet, von A wie ARD bis zu Z wie Die Zeit. Die zehn sind Aussteiger aus ihrem bisherigen Waldorf-Schulbetrieb und haben mit Schulgeld und Spenden einen Raum angemietet und Lehrer verpflichtet. Im Schulamt schaut man mit "wohlwollender Skepsis" auf die autonomen Abi-Vorbereiter. Die büffeln mit Fleiß und Stundenplan die Ferientage durch. Lehrer kommen in den zwei Wochen nicht in den umfunktionierten Gemeinderaum der Paulus-Kirchengemeinde, in dem das Lernprojekt für die Dauer dieses Schuljahrs untergekommen ist. Die Lehrer haben Ferien.

An diesem sonnig-schwülen Nachmittag stehen Wasserflaschen zwischen den Büchern und Hefthaufen auf den Pulten — und drei Biologie-Themen auf dem Arbeitsplan. Jeweils ein Abiturient referiert für die anderen über Darwin und DNA-Veränderungen und den langen Weg vom Einzeller bis zum Menschen. "Da brauchst du unendlich viele Zufälle" , erklärt Alwin Franke, "bis du dahin kommst." Alle zehn haben die Kapitel im Biobuch gelesen. Das Wiederholen und Fragen stellen, soll zeigen, wo jemand noch unsicher ist, noch Lücken hat. Dieses Verfahren hat sich in den vielen Monaten gemeinsamer Vorbereitung bewährt. Dass alle pünktlich kommen, ist genauso selbstverständlich wie die gründliche Vorbereitung. Jeder der zehn Jugendlichen hat immerhin acht Prüfungen vor sich, die mündlich zu bewältigen sind. Viel Stoff. Mehr Stoff als für "normale" Abiturienten, rechnet Lilian Neu vor, "denn die haben ja in der Regel nur noch eine einzige mündliche Prüfung."

Im Staufener Faust-Gymnasium werden die zehn "methodos"-Abiturienten Mitte Juni zeigen müssen, was sie drauf haben. Die vier schriftlichen Prüfungen haben sie hinter sich, die Zwischenbilanz fällt etwas verhalten aus. "Wir sind am Anfang dieses Schuljahrs sehr schnell unter großen Zeitdruck geraten" , sagt Alwin Franke, "weil wir die Tendenz hatten, alles zu sehr zu vertiefen." Die Ideale der Planungsphase mussten bald den Notwendigkeiten des herannahenden Abiturs weichen. Doch: "Auch dass wir unsere Methoden überprüfen und ändern konnten, hat uns weitergebracht."

"Wir würden’s wieder so machen!"
Alwin Franke, Abiturient

Zwei Lehrer waren nach zwei Monaten schon nicht mehr dabei. Französischlehrer Freimut Bahmann war einer von ihnen: "Wir hatten unterschiedliche Auffassungen darüber, wie am besten gelernt wird, da hab’ ich angeboten, mich zurückzuziehen." Das Angebot wurde angenommen — die Schüler wollten mehr auf selbsttätige Vorbereitung setzen. Von der Grundidee ist auch Pädagoge Bahmann nach wie vor überzeugt. Die fasst Alwin Franke, längst geschmeidiger, medien versierter Sprecher der Gruppe, so zusammen: "Eine Vorbereitung aufs Abitur — ausgehend von den Schülern unter Mithilfe der Lehrer." Eine Idee, die Schule machen könnte — denn, so Lenya Bock: "Wir möchten den Staffelstab gerne an die nächste Schülergeneration weitergeben." Vor die Verbreitung der methodos-Methode für das Abi im Alleingang stellt das Schulgesetz jedoch Hürden. Die Möglichkeit, ein "Schulfremden-Abitur" abzulegen, hat nämlich nicht jeder. Wer bereits in dem Abiturverfahren steht, also im Jahr vor dem Abschluss ist, kann sich nicht für das Abi-Jahr aus der Regelschule ausklinken. Martin Voßler, Koordinierungsreferent für Bildung und Schule am Regierungspräsidium: "Das Abitur geht über zwei Jahre — da wollen wir kein Hintertürchen für einen Ausstieg auf halber Strecke öffnen." Die Befürchtung der Schulverwaltung: "Viele Schüler würden dann alles schleifen lassen in dem Glauben, dass sie mit dem Externen-Abitur noch lässig nachlegen können."

Ganz so lässig allerdings ist das Abitur, das die Schulfremden ablegen, eben nicht. Die vier schriftlichen Prüfungen in Mathematik, Deutsch, Geschichte und einer Fremdsprache waren für einige von ihnen schon "heftig" . Die Matheprüfung, erläutert Paolo Lau, wurde aber insgesamt in diesem Jahr als sehr schwer empfunden. Dafür lief bei den meisten methodos-Schülern Geschichte wie geschmiert. Speziell Thema zwei, die 70er Jahre, die Brandt-Ära: "Das war eh eines unserer Lieblingsthemen." Überhaupt seien etliche Themen "Lieblingsthemen" geworden, findet Lenya Bock. Hauptsächlich habe man nämlich Geschichte ohne Lehrer und zu großen Teilen aus Büchern gepaukt. Der ursprünglich sehr regelmäßig veranschlagte Unterricht wich schon im Herbst einer Art Epochenarbeit, um jeweils ein Fach schwerpunktmäßig und gründlich zu erarbeiten. Dazu kamen regelmäßig Deutsch und Mathe und Übungsstunden mit sportlichem Schwerpunkt — als Ausgleich.

Im Juni kommen die vier Hauptfächer aus der schriftlichen Abitursprüfung noch mal mündlich dran, dazu gibt’s für jeden vier weitere mündliche Prüfungsfächer: Biologie, eine zweite Fremdsprache und zwei Wahlfächer. In Politik und Ethik tritt Lilian Neu an: "Da ist zwar tierisch viel zu lernen, aber diese Fächer interessieren mich eben am meisten." Andere setzen ganz auf Musik und Kunst. Zum Beispiel Alex Rosengarth, die sich ohnehin in einer Zukunft nach dem Abitur am ehesten als Berufsmusikerin sieht.

Vor dem Drumrum dieser Prüfungen ist ihnen überhaupt nicht bange: Am Faust-Gymnasium habe man sie schon beim Schriftlichen liebevoll betreut — bis hin zu den Schokoladetäfelchen auf der Schulbank. "Sogar die Kleinen sind zu uns gekommen und haben uns viel Glück gewünscht" , berichtet Simeon Wittenberg. Und mit den Prüfern vom Kreisgymnasium Neuenburg habe man sich auch schon getroffen. Kein Grund zu fremdeln also. Und doch werden das hohe Tempo und der hohe Anspruch bis zuletzt durchgehalten. Eine Sechs-Tage-Woche jeweils von 9 bis 17 Uhr, samstags wird um 14 Uhr Schluss gemacht. Ein Stress, der sich lohnt, vermelden alle unisono, Freiheit und Verantwortung haben alle weitergebracht. "Und egal, ob nachher jeder von uns das Super-Abi in der Hand hält oder vielleicht gar keins" , betont Alwin Franke, "wir würden’s wieder so machen!"

Mehr Infos auf der Methodos-Website: http://web.mac.com/simi.w/iweb/methodos/Home.html

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