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Reclam S. 41
Drei Tage später tobte ein furchtbarer Sturm. Es war Mitternacht, aber
alles im Schlosse außer dem Bett. Der Gutsherr stand am Fenster und sah
besorgt ins Dunkle, nach seinen Feldern hinüber. An den Scheiben flogen Blätter
und Zweige her; mitunter fuhrein Ziegel hinab und schmetterte auf das
Pflaster des Hofes. »Furchtbares Wetter!« sagte Herr von S. Seine Frau sah
ängstlich aus. »Ist das Feuer auch gewiß gut verwahrt?« sagte sie; »Gretchen,
sieh noch einmal nach, gieß es lieber ganz aus! - Kommt, wir wollen das
Evangelium Johannis beten.« Alles kniete nieder und die Hausfrau begann: »Im
Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.« Ein
furchtbarer Donnerschlag. Alle fuhren zusammen; dann furchtbares Geschrei
und Getümmel die Treppe heran. - »Um Gottes willen! Brennt es?« rief Frau
von S. und sank mit dem Gesichte auf den Stuhl. Die Türe ward aufgerissen
und herein stürzte die Frau des Juden Aaron, bleich wie der Tod, das Haar
wild um den Kopf, von Regen triefend. Sie warf sich vor dem Gutsherrn auf
die Knie. »Gerechtigkeit!« rief sie, »Gerechtigkeit! Mein Mann ist
erschlagen!« und sank ohnmächtig zusammen.
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Der Knabe im Moor
O schaurig ist's übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist's übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!
Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind -
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.
Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor',
Die den Haspel dreht im Geröhre!
Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran als woll' es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!
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Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
»Ho, ho, meine arme Seele!«
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär' nicht Schutzengel in seiner Näh',
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.
Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war's fürchterlich,
O schaurig war's in der Heide!
[Droste-Hülshoff: Gedichte [Ausgabe 1844], S. 81. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7817 (vgl. Droste-SW Bd. 1, S. 61)]
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